Die dunkle Seite der Seele

Wien, 5.9.2018 von A.Primus

Eine Klientin erzählte mir Folgendes: An einem Morgen fuhr sie mit dem Auto zur Arbeit. Als sie einmal rechts abbog, traf sie auf einen Müllwagen, der sie am zügigen Weiterfahren hinderte. Hinter ihr zwei wild hupende Autos, die den Müllwagen noch nicht im Blickfeld hatten. Sie bemühte sich, ruhig zu bleiben und das ungerechtfertigte Hupkonzert zu ignorieren. Als die Sicht auf die linke Fahrspur gegeben war, fuhr sie am Müllwagen vorbei und hielt sich an die vorgegebene Geschwindigkeitsbegrenzung. Das Auto hinter ihr überholte sie auch noch. Da riss plötzlich ihr Geduldsfaden, ihr Herz raste, sie fing an, mit den Armen zu fuchteln, um dem Fahrer ihre Empörung zu vermitteln, und war nah daran, stehen zu bleiben, aus dem Auto zu steigen und sich mit dem Mann im Fahrzeug vor ihr anzulegen. Alle Furcht oder Gedanken an Konsequenzen waren gewichen. Sie wäre zu allem, sogar zu einem tätlichen Angriff, imstande gewesen, so wütend war sie. Da der Wagen vor ihr jedoch abbog, fuhr sie weiter und hielt an der nächsten Ampel bei Rot an. Das zweite Auto, das sie angehupt hatte, kam neben ihr zum Stillstand, und der Fahrer bat sie körpersprachlich um Entschuldigung.  Damit war sie wieder einigermaßen befriedet, doch das Entsetzen über ihre eigenen heftigen Gefühle blieb.

Die verborgene Seite hinter der Maske

Völlig irritiert von ihrer eigenen heftigen Reaktion, die sie an sich nicht vermutet hatte, wandte sie sich an mich, um sich kunsttherapeutisch begleitet mit ihrer eigenen dunklen Seite zu beschäftigen. Das ist jene Seite, die hinter der Maske, die wir tragen, verborgen ist. Jene Seite, die wir womöglich abgespalten haben, weil wir sie nicht wahrhaben wollen. Die Klientin hatte sich über die Rücksichtslosigkeit, die Ungeduld und die Aggression, die durch das Hupkonzert der beiden anderen Verkehrsteilnehmer zum Ausdruck gebracht wurde, extrem aufgeregt, sodass sie ihrerseits aggressiv und ungeduldig wurde, und ohne Rücksicht auf Verluste zu handeln bereit war. Hier stellte sich die Frage, warum sie die Personen in den beiden Fahrzeugen nicht einfach ignorierte und belächelte. Hatte sie vielleicht selbst diese Eigenschaften in sich, sie aber bereits abgelehnt und verdrängt?

Laut C.G. Jung sind wir nicht „ganz“, solange wir die dunkle Seite unserer Seele nicht erkannt und liebevoll angenommen haben.

Wann ärgern wir uns über reale Fehler anderer Menschen?

„Man kann an anderen nur das ertragen, was man an sich selbst ertragen kann.“ (Baldwin James, zit. nach Ford 2011, S.100). Kannst du eine Eigenschaft an dir selbst nicht akzeptieren, wehrst du dich gegen sie, spaltest sie ab, und dann stört sie dich an deinen Mitmenschen. Warum sonst macht es manchem nichts aus, wenn ein Mitmensch z.Bsp. neugierig ist, während es einem anderen unangenehm ist, wenn jemand diese Eigenschaft hat? Weil letzterer seine eigene Neugierde ablehnt und unterdrückt! Das gleiche können wir mit Geiz, mit Lügen, mit Geltungsbedürfnis usw. anstellen. Dich stört das Geltungsbedürfnis eines anderen dann, wenn du es selbst hast und nicht ausleben kannst. Du kommst selbst zu wenig zur Geltung, obwohl dieses Bedürfnis in dir steckt. Lebst du es aus, verschaffst du dir also Geltung, dann stört es dich bei anderen wahrscheinlich eher weniger.

Natürlich gibt es Grenzen. Wir alle hassen Gewalttäter, Unterdrücker und Despoten, und sollten dennoch nicht in deren Fußstapfen treten. Wir alle reagieren auf Verletzungen durch andere, die nicht unbedingt mit unseren eigenen Schattenseiten zu tun haben. Wenn du dich aber selbst beobachtest, wirst du feststellen, dass du dich im Alltag über viele Dinge aufregst oder ärgerst, die dich im Grunde in keiner Weise beeinträchtigen.

Oft ist der Ärger Projektion

Unsere verdeckten Unzulänglichkeiten projizieren wir oftmals auf andere. Das heißt, sie sind den einzelnen Personen oder auch Personengruppen nicht einmal eigen. Wir brauchen gar nicht mit ihnen in Berührung zu kommen, um all unsere eigenen unterdrückten negativen Eigenschaften auf sie zu projizieren. Wir ärgern uns über andere, verurteilen sie, empfinden sie als dumm, hässlich, verrückt, geizig, unausstehlich, falsch, arrogant, besserwisserisch, ignorant, verachtenswert, konservativ uvm. Lernen wir sie kennen, müssen wir unser Urteil oft zurücknehmen. Spätestens dann sollten wir uns fragen, was diese Person oder Gruppe in uns ausgelöst hat, das allein mit uns zu tun hat. (Die Projektion funktioniert übrigens auch sehr gut mit positiven Eigenschaften, z.Bsp. wenn wir verliebt sind. Auch hier ist Vorsicht geboten, denn die Desillusionierung nach einer gewissen Zeit kann ebenfalls problematisch sein.)

Die eigene dunkle Seite erkennen

Auch wenn es schmerzhaft sein kann, Seiten an sich aufzudecken, die man sein ganzes Leben lang auszumerzen versucht hat, weil man sie ablehnt, letztlich ist es ein Weg, um in Einklang mit sich selbst und der Welt zu leben. So kannst du hinter deine Maske blicken und dich von deinem Unmut befreien und frei sein. Bedenke dabei aber, dass diese Freiheit darin besteht, deine negativen Seiten anzunehmen und ihre Funktion verstehen zu lernen, aber nur dann auszuleben, wenn niemand dabei verletzt wird. Das ist wichtig, denn ansonsten herrscht Krieg, welcher der Inbegriff der unterdrückten Schattenseiten ist, die dann zum Vorschein kommen.

Wie kannst du nun verborgene Seiten an dir aufdecken?

Schreibe drei Personen auf, die du nicht leiden kannst. Schreibe zu jeder Person drei Eigenschaften auf, die du ablehnst. Du kannst davon ausgehen, dass jene Eigenschaften, die du an diesen Personen am meisten ablehnst, also jene, bei denen du ein heftiges Gefühl empfindest, genau jene sind, die auch dir selbst in deinem Schatten eigen sind. Vielleicht bist du dir dessen nicht bewusst oder du sträubst dich jetzt besonders heftig gegen diesen Gedanken. Je unangenehmer es für dich ist, desto ausgeprägter ist diese Eigenschaft in deinem Schatten.

Alternativ kannst du dir auch ausmalen, dass in einer Zeitung ein Artikel über dich erscheint, der das Schlimmste und Schmerzvollste über dich berichtet, was du dir vorstellen kannst. Dies gibt ebenfalls Aufschluss über die Eigenschaften, die du dir selbst nicht zugestehst.

Wie werden die negativen Eigenschaften für dich anschaulicher?

Negative Eigenschaften können benannt und als Subpersönlichkeiten wahrgenommen werden. Gib ihnen einen Namen! Beispiele, wie die falsche Rita, die leidende Brunhilde, der dumme Kaspar, der geizige Fridolin, die dicke Riecke, die vulgäre Jacqueline, der aggressive Johannes usw. helfen, ihnen den Ernst zu nehmen. Stelle diese Figuren bildlich dar, male oder zeichne sie. Dadurch externalisierst du das Gefühl, das sie in dir auslösen.

Drei Subpersönlichkeiten eines Klienten (Veröffentlichung ausdrücklich genehmigt)

In einem nächsten Schritt schreibe deine Gedanken dazu. Woher kommen diese Subpersönlichkeiten, von denen wir übrigens alle unzählige besitzen? Welchen Nutzen kannst du aus ihnen ziehen? Alles hat zwei Seiten – jede negative Seite hat auch ihren Nutzen bzw. ihre Funktion. Beispiele: Falschheit hat oft die Funktion, andere nicht zu verletzen; Geltungsbedürfnis, sein Wissen und Können weiterzugeben; Dominanz, Stärke; Besserwisserei, zu helfen; Schwäche, Schutz oder sich fallen lassen zu können; Verlorenheit, aktiv nach einem besseren Leben zu suchen; Hässlichkeit, an seinem eigenen Aussehen zu arbeiten; Außenseiter zu sein, kein Mitläufer zu sein.

Welches Geschenk machen dir deine negativen Seiten? Kann dir z.Bsp. der aggressive Johannes auch etwas wie Durchsetzungsvermögen geben? Oder die vulgäre Jacqueline das Streben nach Bekanntschaften zu feinen, interessanten Charakteren und einem eleganten, stilvollen Äußeren?

dumme kuh
Eine Klientin zeichnete ihre innere „dumme Kuh“

Zurück zur Klientin

Die eingangs beschriebene Klientin, die von ihrer eigenen Wut so schockiert war, erkannte, dass sie aufgrund ihrer Familiengeschichte und –konstellation stets darauf bedacht war, lieblich und ruhig zu sein und ihre Wut zu unterdrücken. Sie verachtete Menschen, die sich nicht im Griff hatten und aggressiv wirkten. Diese Seite, die sie nun an sich entdeckt hatte, nannte sie die „tobende Ruth“ und gab ihr zeichnerisch ein Gesicht. Die Funktionen, die sie ihr zuschrieb, waren Durchsetzungsvermögen, Mut und Kraft. Auch Intoleranz und Ungeduld waren Seiten, die sie an sich selbst entdeckte. Sie nahm auch diese Eigenschaften nun an und musste sie nicht mehr auf andere Personen projizieren, oder wenn sie sie an anderen tatsächlich entdeckte, konnte sie in irritierenden Situationen die „tobende Ruth“ in sich erkennen und ihr den Wind aus den Segeln nehmen.

(Das Beispiel im Straßenverkehr habe ich übrigens deshalb gewählt, weil wir in der relativen Anonymität unseres Autos besonders gerne unsere Masken fallen lassen…)

Willst auch du dich freier fühlen und dich nicht mehr so über andere ärgern, dann entdecke durch die Kunsttherapie unter www.a-primus.at deine eigene dunkle Seite.

Alles Liebe einstweilen,

A.Primus

Literatur:

Dahlke, Rüdiger. 2017. Das Schattenprinzip. Die Aussöhnung mit unserer verborgenen Seite. Verlag: Arkana: München, 9. Auflage.

Ford, Debbie. 2011. Schattenarbeit. Wachstum durch die Integration unserer dunklen Seite. Wilhelm Goldmann Verlag: München, 5. Auflage.

One thought

  1. Hallo Heidi, deine Zeilen haben mich sehr beeindruckt. Es steckt sehr viel wahres dahinter. Gerne verstecken wir uns manchmal hinter Masken, wollen unser wahres Gesicht nicht zeigen; vor Angst
    etwas falsches zu machen, nicht mehr geliebt zu werden ..,..
    Danke!

    Gefällt 1 Person

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