Rollenklischees in Märchen

Wien, 11.07.2018

C.G.Jung und die Archetypen

Märchen werden in der Kunsttherapie, so wie ich sie gelernt habe – also nach dem Modell von C.G.Jung – heranzgezogen, um die Archetypen, wie zum Beispiel den Helden oder die Prinzessin, die Hexe oder den Zauberer, zur eigenen Person bzw. zu eigenen Persönlichkeitsanteilen in Bezug zu setzen. Märchen sind sehr deutlich strukturiert: die Menschen, die darin vorkommen, durchlaufen einzelne Entwicklungsstadien. Der Ausgang ist meist positiv. Die Märchen werden in der Kunsttherapie ausgewählt, je nachdem, was gerade das Thema der Klientin oder des Klienten ist. Besteht zum Beispiel eine Überforderung durch eine andere Person – etwa den Vater oder die Mutter, eignet sich das Märchen „Rumpelstilzchen“, weil es darin um eine Müllerstochter geht, die für den König Stroh zu Gold spinnen muss, was sie aber unmöglich schaffen kann. Das Märchen wird (vor-)gelesen und eine beliebige Szene daraus gemalt. Danach wird das Bild zum eigenen Leben in Bezug gesetzt, und es können Problemlagen aufgedeckt, Ressourcen gefunden und Möglichkeiten der Lösung des Problems erarbeitet werden.

Darstellung der Geschlechter in Märchen

Nun habe ich aber immer schon damit gehadert, dass die Rollenklischees in Märchen nicht meiner eigenen emanzipatorischen Vorstellung, sondern wohl eher den Stereotypen von Mann und Frau entsprechen. Dem wird von JungianerInnen entgegen gehalten, dass die Archetypen nicht auf die realen Geschlechter umgelegt werden können, sondern für Anteile in jedem oder jeder von uns stehen. So kann ein Mann einen im Märchen enthaltenen weiblichen Anteil besitzen und eine Frau einen männlichen. Das hat durchaus seine Berechtigung, sofern die Klientin oder der Klient den Symbolismus zu erkennen vermag. Einmal las ich einem jungen Mann das Märchen „Rumpelstilzchen“ vor, um in der Folge im Bild die Beziehung zu seinem autoritären Vater zu thematisieren. Es funktionierte, denn er identifizierte sich mit der Protagonistin, der Müllerstochter. Er konnte also den weiblichen Anteil in sich erkennen und akzeptieren. Aber warum ist der schwache Anteil überhaupt weiblich? Und: was, wenn KlientInnen diese Art des Symbolismus nicht erkennen? So habe ich einmal einem kranken Mädchen ein anderes Märchen vorgelesen, in welchem eine junge, schöne, weibliche Person von einem edlen Ritter oder Prinzen gerettet und zur Frau genommen wurde. Natürlich hat sich das Mädchen mit der schönen, in Not befindlichen Maid identifiziert, deren innigster Wunsch und einziges Ziel es war, vom Helden geehelicht zu werden. Auch wenn das Unbewusste meiner Klientin die Rettung und Ehelichung auf die Genesung bezogen und diese so eine heilende Wirkung gehabt haben sollte, wie sie der Kunsttherapie durchaus zugesprochen wird, so transportieren diese Rollenklischees eine sehr traditionelle und deshalb überdenkenswürdige Sicht der Dinge, nämlich die Rollenzuschreibung der zarten, schönen Maid, die von einem starken Mann gerettet und zur Frau genommen wird.

Schneewittchen

Rollenbilder umdrehen

Wäre es nicht sinnvoll, einmal nur zur Probe die Rollenbilder in überlieferten Märchen umzudrehen? Der schöne, in Not geratene Jüngling wird von der starken Frau gefunden, gerettet und zum Manne genommen? Allein die Tatsache, dass dieser Rollentausch mehr als seltsam anmutet, spricht dafür, Märchen nach ihren Rollenklischees zu untersuchen und die Rollen der ProtagonistInnen einmal zu tauschen.

Ich hatte heute bereits – recht spontan – die Gelegenheit, mit einer Klientin den Versuch zu wagen, das Märchen „Rotkäppchen“ in umgekehrter Rollenverteilung vorzulesen. Aus dem ersten Satz: „Es war einmal ein kleines süßes Mädchen, das hatte jedermann lieb, der es nur ansah…“ wurde „Es war einmal ein kleines süßes Büblein, das hatten alle lieb, die es nur ansahen…“ Und später, als Großmutter und Rotkäppchen, die vom Wolf gefressen worden waren, vom Jäger gerettet wurden, las ich stattdessen: „Die Jägerin ging an dem Haus vorbei und dachte: Wie der alte Mann schnarcht! Du musst doch sehen, ob ihm etwas fehlt. […] Nun wollte sie ihre Büchse anlegen, da fiel ihr ein, die Wölfin könnte den Großvater gefressen haben, und er wäre noch zu retten, schoss nicht, sondern nahm eine Schere und fing an, der schlafenden Wölfin den Bauch aufzuschneiden….“ Die Jägerin erweist sich in dem von mir modifizierten Märchen als schlau und mutig, als Retterin der beiden männlichen Hauptpersonen.

Als ich fertig war, befragte ich meine Klientin nach der Wirkung, und sie sagte, so vorgelesen, sei das Märchen spannender für sie gewesen. Wir besprachen auch ihre eigene Geschlechterrolle und die Einflüsse durch Kinderbücher und Filme. Ich lud sie ein, eine Szene aus dem von mir modifizierten Märchen zu malen, dabei aber die Geschlechter so zu wählen, wie es ihrem eigenen Empfinden entsprechen würde.

Veröffentlicht mit Genehmigung der Malerin

Sie malte tatsächlich eine Jägerin. Und mit dieser identifizierte sie sich auch. Ich nehme an, hätte ich das ursprüngliche Märchen vorgelesen, dann hätte sie sich wohl eher mit dem Rotkäppchen identifiziert, süß, naiv, schusselig, in Not geraten, letztlich gerettet. Am Ende der Sitzung wurde ein Vergleich zwischen der Märchenfigur und der realen Person meiner Klientin gezogen, die, so denke ich, gestärkt daraus hervorging.

Ich hoffe, durch diesen heutigen Blogbeitrag manch eine Leserin oder einen Leser auf die Einflüsse, denen wir auch heute noch, und zwar nicht nur in Märchen aus vorigen Jahrhunderten, ausgesetzt sind, aufmerksam gemacht zu haben.

Alles Liebe, A.P.

http://www.a-primus.at

Quelle des Märchens: https://www.grimmstories.com/de/grimm_maerchen/rotkaeppchen

7 thoughts

  1. die rollenklischees betreffend der gab es zum märchen der froschkönig eine interpretation aus zeitgemässer sicht, am handy habe ich keinen zugriff, wenn ich den kommentar finde, zitiere ich diesen text.

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  2. teil ihres kommentars:
    es benötigt eine Frau mit Biss, die sich traut, den Frosch an die Wand zu werfen, im Vertrauen, dass dann der Mann zum Vorschein kommt …und der das dann nicht missversteht…ja, da muss man schon erwachsen sein, das ist es wohl, die Prinzessin wird zu Frau, der Prinz zum Mann…

    teil meines kommentars:
    …im froschkönig steht die ungezogene, arg undankbare prinzessin für das weibliche rollenverständnis ( im märchen 😮 ) und der frosch steht für´s durchhalteVERMÖGEN; BAR jeder vernunft, seine frechheit, das leben der prinzessin teilen zu wollen, bloß weil er ihre goldene kugel aus dem brunnen holte. er will sogar in ihr bettlein hinein

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    1. Ich habe irgendwo gelesen, dass es in dem Märchen „Froschkönig“ um die eigenen Schattenseiten geht. Tief ins Unbewusste einzutauchen (Kugel fällt in den Brunnen), das Hässliche hervorzuholen (Frosch taucht aus dem Brunnen aus und verfolgt von nun an die Prinzessin) und es zu bearbeiten, also sich damit auseinanderzusetzen (der König verpflichtet die Prinzessin dazu, den Frosch bei sich essen und schlafen zu lassen), soll dann bewirken, dass etwas Schönes daraus hervorgeht: die Weiterentwicklung der Persönlichkeit (der Frosch wird zum Prinzen, nimmt die Prinzessin zur Frau und der eiserne Heinrich befreit sich von seinen Fesseln).

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      1. so geht´s auch. der mensch kann, wenn er will, sogar den schrecklichsten ängsten entwas entgegensetzen, positives handeln und denken in einklang bringen. gelingt leider den wenigstren. die fremdeinflüsse will ich nicht pauschal dafür verantwortlich machen, denn da hat man doch immerhin noch die wahl, was man sich zumuten will.

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